Haus Wahnfried als Ort der bürgerlichen Repräsentation und Kultur

Ein Projekt-Seminar zu Leben und Kultur des Großbürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Inhaltliche Konzeption

Bürgerliche Kultur im 19. Jahrhundert – gerade die Sphäre des Großbürgertums – beinhaltete einen gewissen Lebens- und Repräsentationsstil. Die Teilnahme an gesellschaftlichen Aktivitäten erforderte schon ein bestimmtes Auftreten, was zum Beispiel die Umgangsformen und die Kleidung betraf. Auch das großbürgerliche Haus erfüllte in diesem Zusammenhang die Funktion, nicht nur Wohnort und Rückzugsraum für die Familie zu sein, sondern auch den angemessenen Rahmen für die Selbstinszenierung der bürgerlichen Klasse und ihrer Werte zu bilden. In diesem Bestreben zur Selbstdarstellung glich das Großbürgertum durchaus dem Adel. Von großer Bedeutung war auch die sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelnde Salonkultur als zentraler Ort bürgerlicher Gesellschaften.

Foto: Richard Wagner und seine Familie auf der Gartentreppe von Haus Wahnfried
Postkarte Haus Wahnfried, um 1915

Die Salonkultur verweist auf die Bedeutung der Bildung für diese Klasse. Der gesellschaftliche Umgang miteinander, Gespräche zu politischen und kulturellen Themen, der Besuch von Museum und Theater, das Engagement in bestimmten Vereinen zur Förderung von Gesellschaft und Kultur setzten eine fundierte Allgemeinbildung voraus.

Im bürgerlichen Haus waren der Besitz einer Bibliothek und von Musikinstrumenten wesentliche Elemente, um schon äußerlich die Zugehörigkeit zu gebildeten, gehobenen bürgerlichen Kreisen zu betonen.

Leistungsethos und Bildungsbegriff wurden auch auf den Nachwuchs übertragen. Dies betraf in der sich allmählich modernisierenden Gesellschaft vor allem die Söhne, während die Mädchen eher auf eine Rolle als Hausherrin vorbereitet wurden. Bei beiden Geschlechtern erstrebte man allerdings ein entsprechendes Maß an Bildung und organisierte dementsprechend das Leben der Kinder.

Familiäres Leben und bürgerliche Repräsentation erforderten natürlich eine gewisse Logistik. Dies bedeutete nicht nur den Besitz einer den Anforderungen entsprechenden Villa, sondern auch die notwendige Anzahl von Bediensteten. Ihre Funktionen konnten vielfältig sein: neben der fast obligatorischen Köchin oder Dienstmädchen und Hausknechten bis zu Hauslehrern und Gouvernanten. Dies alles bedeutete im Endeffekt eine Wirtschaftseinheit, die auch einiges an Kosten verursachte.

Haus Wahnfried, 1874 von Richard Wagner und seiner Familie bezogen, und das dortige Leben entsprachen ganz dem bürgerlichen Ethos des späten 19. Jahrhunderts – ergänzt durch die ganz eigene kulturelle Sphäre, die von dem Komponisten ausging, der auch seine Ausnahmestellung betonte.

Die Räume der repräsentativen Villa sind im Wesentlichen um eine dominante Eingangshalle und den großen Saal gruppiert, Anziehungspunkt für eine illustre Schar an Besuchern und Besucherinnen aus den Bereichen Kultur, Politik und Ökonomie.

Daneben war das alltägliche Leben in einem großbürgerlichen Haushalt neben dem Aufbau und Erhalt der Bayreuther Festspiele zu organisieren, was eine entsprechende Infrastruktur erforderte – angefangen von der unverzichtbaren Dienerschaft bis zu Gemüse- und Obstbeeten im Garten.

Und nicht zuletzt war für die Kinder der Familie eine angemessene Erziehung und Bildung zu gewährleisten.

So ergab sich ein komplexes Gebilde aus verschiedenen Aufgaben, für die Haus Wahnfried der geeignete Ort sein musste.

Lehrplanbezug, Ziele und Themen des Projektseminars

In dem bisherigen Lehrplan und im Lehrplan Plus für die Q 11 im Fach Geschichte ist auch die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element. Die beiden wichtigen Klassen Arbeiterschaft und Großbürgertum als Antipoden, die diese Zeit zunehmend prägten, sind auch Elemente in dem sich allmählich industrialisierenden Bayreuth. Das Haus Wahnfried bildet hier eine interessante zusätzliche Facette.

Ziel des Projekt-Seminars ist es weniger, das Wirken Richard Wagners als Leiter der Festspiele, Komponist und Publizist in seiner ganzen Vielfalt und Problematik anzusprechen, sondern wie bereits erwähnt, Haus Wahnfried und seine Bewohner als Protagonisten des Großbürgertums in ihrem unmittelbaren Leben in Ergänzung zu der bereits existierenden Dauerausstellung vertieft zu betrachten.

Für Recherchen zu diesem Thema müssen die Schülerinnen und Schüler vor allem in den Bibliotheksbeständen, im Bildarchiv und in der Sammlung – die verschiedene Objekte wie Büsten, Gemälde und auch Kleidungsstücke der Familie Wagner umfasst – des Richard Wagner Museums recherchieren.

Das Projekt-Seminar soll die Vorbereitung einer Präsentation in Form einer Ausstellung und die zusätzliche Erarbeitung einer Informationsbroschüre zum Ziel haben.

Denkbar wäre auch, zu dem Thema einen kurzen Film mit entsprechender Unterstützung durch ein Medienunternehmen zu drehen.

Sinnvoll ist es in jedem Fall, die gesamte Seminargruppe in kleinere Teams zu untergliedern, die jeweils Teilaspekte erarbeiten, die dann in die abschließende Planung einer Gesamtkonzeption einfließen.

Als mögliche Einzelthemen wären denkbar

Bürgerliche Architektur und Ausstattung des späten 19. Jahrhunderts am Beispiel von Haus Wahnfried


Haus Wahnfried als Ort der Kultur und Repräsentation


Accessoires und Kleidung der Familie Wagner als Ausweis für bürgerliche Lebensart


Die bürgerliche Villa als Lebensraum für die Familie


Die Kinder der Familie Wagner und ihre Erziehung im Stil der Epoche


Der Unterhalt und die Bewirtschaftung eines großbürgerlichen Haushalts im 19. Jahrhundert

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